In Reisen, So isses aufm Dorf

Angeregte Phantasie

Eines späten Abends – ich saß in der S-Bahn, die in Kürze aus dem Mannheimer Hauptbahnhof Richtung Kaiserslautern abfahren sollte – erregte ein einsteigender Fahrgast meine Aufmerksamkeit. Er war nicht jung, nicht alt, schätzungsweise Mitte 30, mit Vollbart, etwas blässlich und wirkte keinesfalls ungepflegt. Sein Gepäck war ausladend: Er trug einen Rucksack, daran geklemmt eine Isomatte, darauf gepackt viele Plastiktüten, sodass die gesamte Beladung ihn um einen Kopf überragte. Auch sein Rollkoffer war um etliche prall gefüllte Plastiktüten ergänzt, sodass er sichtlich Mühe hatte, alles ins Abteil zu befördern. Er sah nicht aus wie ein Obdachloser, aber bei weitem auch nicht wie ein Urlauber, der gerade aus der Ferne vom Flughafen Frankfurt eingetroffen war.

Ich machte mir so meine Gedanken und kicherte innerlich, weil ich mir vorstellte, er sei ein Freak, der Europa nur mit dem ÖPNV bereist und nun unterwegs ins winterlich eisige Skandinavien war. Erlaubte Verkehrsmittel wären nach seinem Konzept außer seinen eigenen Füßen und gelegentlich einem Fahrrad, das es ja nun an jedem Bahnhof auszuleihen gibt, Bus, Straßenbahn, S- und U-Bahn.

Da klingelte sein Handy. Ich vernahm, dass er mit jemandem im Zug verabredet war, und er gab an, wo er sich gerade befände. In gutem Hochdeutsch. Nun hielt ich fast ebenso eifrig Ausschau nach seinem Reisekameraden, den ich mir ähnlich vorstellte. Es kam anders. Seine Reisebegleitung war weiblich, schon etwas älter, sprach Dialekt – und trug eine Schaffneruniform der DB. Ein Liebespaar waren sie nicht, das verriet die Körpersprache. Was sie sprachen, konnte ich auch nicht verstehen. Sie teilten sich eine Portion Pommes, die sie mitgebracht hatte, und deren Duft sich auffordernd in meine Richtung verbreitete.

Sie hatten etwas Verschwörerisches, Komplizenhaftes, wie sie da vornübergebeugt saßen. Und schon schwenkte meine Phantasie in eine andere Richtung: Vielleicht war der junge Mann von zuhause rausgeflogen? Oder noch besser: Vielleicht hatte er seine Erbtante, ein Elternteil, seine Frau, wen auch immer, um die Ecke gebracht und war nun auf der Flucht? Und seine Vertraute, eventuell eine Kollegin, half ihm???

Wir werden es nie erfahren. An der S-Bahn-Station Rheingönheim stiegen sie beide aus.

(Bildgrundlage von gratis-malvorlagen.de)

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